Zwei Favoriten zeichnen sich ab
Am 8. März 2026 wählt Bamberg ein neues Stadtoberhaupt. Nach rund zwei Jahrzehnten tritt Andreas Starke nicht mehr an und allein dieser Satz verändert alles. Plötzlich ist das Rennen so offen wie lange nicht. Acht Kandidatinnen und Kandidaten stehen auf dem Stimmzettel. Prominente Namen, erfahrene Stadtratsgesichter, neue Angebote. Und über allem schwebt eine Frage, die diesmal wirklich ehrlich ist: Wer kann Bamberg in die nächste Phase führen?
Eine Stadt zwischen Welterbe und Wachstumsdruck
Bamberg ist politisch ein Spezialfall. Eine hoch verdichtete Stadt, UNESCO-Welterbe, touristisch stark, historisch empfindlich. Gleichzeitig wächst der Druck auf Wohnraum, Infrastruktur und Verwaltung. Wer hier Oberbürgermeister oder Oberbürgermeisterin wird, führt nicht nur eine Behörde, sondern navigiert permanent zwischen Bewahren und Entwickeln. Jede neue Straße, jede Sanierung, jede Mobilitätsentscheidung hat schnell eine grundsätzliche Dimension.
Formal ist die Lage klar: Der Wahltermin ist der 8. März, also der Tag der bayernweiten Kommunalwahl. Die Stadt hat die zugelassenen Wahlvorschläge veröffentlicht. Politisch ist es dagegen alles andere als klar. Acht Kandidaturen bedeuten: Mehrheiten im ersten Wahlgang werden schwer. Eine Stichwahl ist deshalb nicht nur möglich, sondern ziemlich wahrscheinlich.
Acht Kandidaturen – und doch drei Namen, die den Ton setzen
So breit das Feld ist, so sehr fokussiert sich die öffentliche Debatte nach Einschätzung vieler Beobachter auf drei Personen: Melanie Huml, Jonas Glüsenkamp und Sebastian Martins Niedermaier. Das heißt nicht, dass die anderen chancenlos wären. Aber die Dynamik vieler Formate, Diskussionen und Einschätzungen deutet darauf hin, dass diese drei derzeit die größten Gravitationszentren im Wahlkampf sind.
Neben ihnen treten an: Claudia John (FREIE WÄHLER), Ralf Stöcklein (FDP), Hans-Günter Brünker (Volt), Jürgen Weichlein (Bambergs Mitte) und Johannes Frey (Die Linke). Ein Feld, das ideologisch wie biografisch breit gefächert ist. Und genau das macht diese Wahl so unberechenbar.
Drei Profile, drei Stärken, drei Risiken
Der Reiz dieser Wahl liegt darin, dass die drei meistdiskutierten Kandidaturen sehr unterschiedliche Stärken verkörpern und jeweils auch ein klares Risiko mitbringen.
Melanie Huml tritt mit politischem Gewicht an. Sie bringt jahrzehntelange Erfahrung, ein belastbares Netzwerk und einen deutlichen Anspruch mit: Verwaltung beschleunigen, Entscheidungen ermöglichen, „Bamberg in Ordnung bringen“. Ihre Befürworter sehen in ihr den Standortvorteil, den man bekommt, wenn man direkte Drähte nach München hat und die Mechanik von Verwaltung und Politik aus dem Effeff kennt. Sie ist von den Skandalen rund um den SPD OB unbelastet und ist die einzige Bewerberin, die kommunalpolitisch unbelastet in das Rennen geht. Sie setzt auf ein starkes bürgerliches Bündnis mit BBB, BuB und anderen Gruppen. Das Risiko ist klassisch: Wer sehr stark über Durchsetzung und Tempo kommt, muss gleichzeitig Vertrauen für das Feingefühl einer Welterbe-Stadt gewinnen, die auf Akzeptanz und Beteiligung angewiesen ist.
Jonas Glüsenkamp setzt stärker auf das kommunale Profil. Als Zweiter Bürgermeister ist er nah dran an der Tagesarbeit der Stadt, zuständig unter anderem für Klima, Personal und Soziales. Er positioniert sich als Brückenbauer. Er kandidiert bewusst nicht für die Grünen, um über das eigene Lager hinaus wählbar sein. Er gilt als Kenner der Verwaltung und ist gut in der Stadtgesellschaft vernetzt. Auch Kritiker bescheinigen ihm eine erfolgreiche Arbeit im Bamberger Rathaus. Im Vergleich zu seinem Mitbewerber Martins Niedermaier gilt er als Kompetenz im Bereich Wirtschaft und Finanzen. Das kann eine große Stärke sein, weil Bamberg keine Stadt der einfachen Lagerlogik ist. Gleichzeitig ist es ein Balanceakt: Wer viele ansprechen will, steht schnell unter dem Druck, alles gleichzeitig zu sein.
Sebastian Martins Niedermaier steht bei der SPD für Kontinuität und einen Generationenwechsel. Er wäre als SPD Kandidat direkter Nachfolger des bisherigen SPD Oberbürgermeisters Andreas Starke. Er bringt Stadtratserfahrung, Gremienarbeit und eine bodenständige berufliche Vita als selbstständiger Bio-Gärtnermeister mit. Seine Aufgabe ist knifflig: Er muss Anschlussfähigkeit an die SPD-Starke-Ära zeigen, ohne wie ein reines SPD-Erbe zu wirken. Genau darin liegt Stärke und Bürde zugleich. Dazu kommt, dass Debatten im SPD-Umfeld den Wahlkampf überlagern können, auch wenn sie nicht zwingend „seine“ Themen sind: Streitfragen rund um Stadtmarketing und Veranstaltungspolitik, E-Scooter bis hin zu Verbotsforderungen und aktuell Diskussionen über Neutralität im Umfeld des Migrantenbeirats. Solche Nebengeräusche prägen Bilder, auch wenn sie nicht fair verteilt sind.
Und über allem steht eine Besonderheit dieser Konstellation: Zwischen SPD und ökologisch-bürgerlichem Spektrum gibt es Überschneidungen. Stimmen können sich gegenseitig wegnehmen. Gerade dort, wo Menschen nicht ideologisch wählen, sondern nach pragmatischem Stil und Glaubwürdigkeit.
Die Themen, die Bamberg wirklich umtreiben
So personengetrieben Kommunalwahlen oft sind: In Bamberg gibt es ein paar große Konfliktlinien, die fast jeden Haustürbesuch bestimmen.
Wohnraum ist Dauerbrenner. Flächen sind knapp, Planungen komplex, Interessenkonflikte vorprogrammiert. Bezahlbares Wohnen ist nicht nur ein „Thema“, sondern für viele die Frage, ob Bamberg überhaupt noch Heimat bleiben kann.
Klima, Verkehr und Verwaltung bilden das zweite große Dreieck. Mobilität ist in einer Welterbestadt besonders sensibel. Es geht nicht nur um Rad oder Auto, sondern um Lieferverkehr, ÖPNV, Fußgänger, Tourismus und Lebensqualität zugleich. Wer hier regiert, braucht das Talent, Zielkonflikte nicht wegzureden, sondern zu moderieren.
Wirtschaft und Tempo in der Verwaltung sind die Felder, auf denen vor allem die CSU ihre Wechselbotschaft begründet. Schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie, mehr Investitionen in Schulen, Kitas und Infrastruktur. Das klingt nüchtern, entscheidet aber im Alltag darüber, ob Unternehmen bleiben, Projekte starten, Familien sich entlastet fühlen.
Und dann gibt es ein Thema, das in Bamberg immer wieder alles überstrahlt, weil es emotional, sozial und stadtplanerisch zugleich ist: Bamberg-Ost und das Ankerzentrum. Hier laufen Debatten über Sicherheit, Integration und Stadtteilentwicklung zusammen. Gegen die Stimmen von BuB und anderer Gruppen hatte zuletzt eine Mehrheit aus SPD, Grüne und Teilen der CSU das Ankerzentrum um weitere 10 Jahre verlängert. Ein Kaufpreis ist allerdings noch nicht vereinbart. Oft geht es dabei auch um das subjektive Sicherheitsgefühl, also um die Differenz zwischen Statistik und Erleben. Wer dazu spricht, muss die Realität der Anwohner ernst nehmen, ohne in einfache Erzählungen abzurutschen.
Nicht zuletzt spielt Vertrauen eine große Rolle. Die Nachwirkungen der Rathaus- beziehungsweise Boni-Affäre haben das Klima über Jahre geprägt. Transparenz, saubere Verfahren, nachvollziehbare Entscheidungen: Das sind in Bamberg keine Floskeln, sondern Prüfsteine.
Und nach dem 8. März? Die Machtfrage endet nicht im Rathaus
Selbst wenn am Wahlabend ein klarer Sieger oder eine klare Siegerin feststeht: Die eigentliche Kunst beginnt danach. Bamberg ist im Stadtrat traditionell stark fragmentiert. Schon 2020 war das Bild zersplittert, und für 2026 deutet vieles eher auf noch mehr Vielfalt hin. Viele Listen, viele Interessen, viele Milieus. Das bedeutet: Wer Oberbürgermeister wird, braucht Bündnisse. Nicht nur Koalitionen auf dem Papier, sondern projektbezogene Mehrheiten, verlässliche Absprachen, ein gutes Ohr für unterschiedliche Lebensrealitäten.
Huml gegen Glüsenkamp
Und genau deshalb ist diese Wahl so spannend. Es geht nicht nur darum, wer in eine Stichwahl kommt, sondern auch darum, wohin die Stimmen im zweiten Wahlgang wandern. Nicht wenige Beobachter tippen auf eine Stichwahl zwischen der CSU Kandidatin und dem Grünen Glüsenkamp. Dieses Duell Huml gegen Glüsenkamp würde vermutlich klassische Muster anziehen: eher progressive und ökologische Milieus Richtung Glüsenkamp, eher bürgerlich-wirtschaftsnahe Richtung Huml. Es ist möglich, dass Glüsenkamp die Unterstützung linker Gruppen wie der SPD, LINKE, ÖDP, Zwiebel erhält und Huml den Rückhalt von BBB, BuB, BM und FDP. Sicher ist das nicht. Aber es ist ein naheliegendes Szenario. Ein Duell mit Niedermaier würde die Karten wiederum anders mischen, weil dann Fragen von Kontinuität der bisherigen SPD Politik und Abgrenzung noch stärker werden.
Ein interessanter Nebenaspekt, der in Bamberg längst Praxis ist: Stadtführung funktioniert hier oft wie eine Art geteilte Verantwortung. Der aktuelle Alltag zeigt, dass unterschiedliche Lager in der Spitze zusammenarbeiten können. Auch künftig könnte eine Konstellation entstehen, in der das Rathaus politisch anders tickt als starke Referate oder Bürgermeisterposten. Bamberg ist in dieser Hinsicht pragmatischer, als es auf Social Media manchmal wirkt.
Fazit: Ein echter Führungstest
Diese OB-Wahl ist kein einfacher „Links gegen Rechts“-Showdown. Sie ist eher ein Test, welche Art von Führung Bamberg nach zwei Jahrzehnten Starke will: Landespolitische Durchsetzung und Netzwerkstärke, kommunale Reformenergie mit Brückenbau-Anspruch oder sozialdemokratische Kontinuität mit traditionellen Wurzeln. Und das alles in einer Stadt, die als Welterbe besonders stark unter Beobachtung steht und zugleich ganz moderne Probleme lösen muss.
Acht Namen stehen auf dem Zettel. Viele Themen liegen auf dem Tisch. Und weil Mehrheiten in Bamberg nie geschenkt sind, wird am Ende nicht nur entschieden, wer gewinnt, sondern auch, wer im Alltag verbinden kann. Genau das macht diese Wahl so offen. Und so wichtig.
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