Wenn aus Berichterstattung eine persönliche Bühne wird, verliert der Journalismus seine Glaubwürdigkeit. In Bamberg erleben wir genau das: Ein Lokalblatt inszeniert immer wieder einseitige Schaubudenstücke – zuletzt rund um das Blues- und Jazzfestival 2025. Es ist an der Zeit, die Frage nach Verantwortung und Ethik im digitalen Redaktionszeitalter zu stellen.
Bamberg in Festivalstimmung: Zehn Tage Blues- und Jazzfestival ziehen jeden Sommer zigtausende Besucher an – Europas größtes eintrittsfreies Open-Air-Festival dieser Art mit rund 150.000 Gästen. Doch während auf dem Maxplatz dicht an dicht die Menschen feiern, inszeniert ein Kommentator des Fränkischen Tags eine ganz eigene Show. Im jüngsten FT-Kommentar wurde dem Veranstalter des Festivals allen Ernstes eine „geschönte Darstellung“ der Besucherzahlen vorgeworfen – ungeachtet der Fakten. Ein Blick auf den prall gefüllten Platz zeigt ein anderes Bild: Dieses Foto belegt eindrücklich, dass allein im vorderen Bereich tausende Menschen standen, geschätzt 4.000 bis 5.000 Besucher. Von Schönfärberei kann keine Rede sein, eher von bemerkenswerter Resonanz. Hier drängt sich eine Frage auf: Wer verzerrt hier wirklich die Realität?
Im Fokus der Dauerkritik steht Klaus Stieringer – Geschäftsführer des Stadtmarketing Bamberg und seit 2007 Initiator des Jazzfestivals, zugleich BuB-Stadtrat, Präsident des Berufsverbandes und lokal engagiert. An seiner Person scheiden sich die Geister. Das ist nicht neu: Über Stieringer wurde in der Vergangenheit heftig gestritten, von Fake-Account-Affären bis zu Debatten um städtische Zuschüsse. Der FT-Kommentator Florian Herrnleben – Kabarettist von Berufs wegen – hat sich dabei als lautstarker Kritiker profiliert. Er war es, der im Stadtrat gesammelte Kommentare mutmaßlicher Fake-Profile präsentierte, hinter denen er Stieringer vermutete. Eine legitime Enthüllung, sollte sie der Wahrheitsfindung dienen. Doch was folgte, wirkte weniger wie nüchterne Aufklärung als wie persönliches Kreuzzug-Theater: In FT-Beiträgen tun sich seither regelmäßig „Abgründe“ auf, die für Bamberg angeblich „Schlimmes befürchten lassen“. Die Sprache ist drastisch, der Ton alarmistisch.
Über mutmaßliche eigene Fake-Profile schweigt der Kabarettist. Mäßigung? Fehlanzeige. Stattdessen werden im FT wahlweise anonyme Online-Debatten als Gefechte mit „Internet-Zombies“ tituliert oder Stadtfeste pauschal verächtlich gemacht. Als etwa das Bamberger Weinfest an Pfingsten wetterbedingt zwar schwächer aber dennoch in den Abendstunden sehr gut besucht war, frohlockte man prompt über „durchwachsene Tage“ mit „nur wenigen Besuchern“. Nun also soll selbst ein offenkundig erfolgreiches Jazzfestival kein Erfolg sein dürfen – weil es nicht ins erzählte Drama passt?
Man muss sich fragen, was hier die Triebfeder ist. Journalistische Verantwortung gebietet, sorgfältig zu recherchieren und fair zu bewerten. Kritik ist notwendig, gerade an Personen in öffentlicher Position – doch sie muss sachlich bleiben. Im Fall Stieringer jedoch wirkt die Berichterstattung des FT inzwischen wie festgefahren. Die inhaltliche Diskussion um Stadtmarketing und Veranstaltungsqualität tritt in den Hintergrund; stattdessen scheint der Mann an der Spitze zum personifizierten Feindbild zu werden. Selbst unabhängige Beobachter merken an, dass sich die Debatte „schnell an Personen und weniger an den Inhalten aufhängt“. Genau das ist gefährlich: Wenn persönliche Aversion die Feder (oder Tastatur) führt, geht die Objektivität verloren. Hier tritt ein Kommentator weniger als Analytiker auf, sondern als Akteur mit eigener Agenda. Das Ergebnis? Ein publizistisches Kasperltheater, in dem die Puppen nach Belieben tanzen – nur wer zieht die Fäden?
Dieses Schauspiel hätte man vielleicht als schrullige Privatvorstellung abtun können, wäre da nicht die große Bühne der Zeitung. Eine traditionsreiche Tageszeitung wie der Fränkische Tag trägt Verantwortung für die öffentliche Meinungsbildung in der Region. Einseitige oder unsachliche Kommentare verzerren diese Meinungsbildung. Sie riskieren, Vertrauen in die Medien zu untergraben – gerade jetzt, wo faktenbasierte Information so wichtig ist. Es wirkt fast ironisch: Da prangert derselbe Kommentator angebliche „Lügengeschichten“ oder Tricksereien an, nur um im nächsten Atemzug selbst die Wirklichkeit zu verbiegen, damit sie ins eigene Narrativ passt. Journalistische Ethik aber bedeutet, den eigenen Bias zu reflektieren und Fakten über Befindlichkeiten zu stellen.
Dabei steht auch die Rolle des Bamberger Echo zur Diskussion – unserer eigenen Publikation, die Sie gerade lesen. Wir sind keine hundertjährige Lokalzeitung mit Monopolanspruch, sondern ein digitales Nachrichtenportal, entstanden aus dem Bedürfnis nach weiteren Stimmen in der Stadt. Das gefällt nicht jedem. So witterte jüngst sogar Oberbürgermeister Andreas Starke eine „möglicherweise zu enge Zusammenarbeit“ zwischen Klaus Stieringer und dem Bamberger Echo und verlangte Aufklärung vom Stadtmarketing . Der Fränkische Tag griff dieses Motiv begierig auf. Ja, wir kennen die Gerüchte: Ist das Bamberger Echo ein verlängerter Arm des Stadtmarketings? Wird hier PR statt Journalismus betrieben? Solche Fragen muss sich ein neues Medium gefallen lassen, und Transparenz ist wichtig. Die Wahrheit ist jedoch profaner: Natürlich pflegen wir als lokales Medium Kontakte – zur Stadt, zu Vereinen, zu Entscheidern –, wie es jede Redaktion tut. Aber wir stehen nicht im Dienst einer einzelnen Person. Gerade weil uns Unabhängigkeit am Herzen liegt, schauen wir genau hin, wenn eine Berichterstattung allzu offensichtlich von persönlicher Befangenheit gefärbt scheint. Wir verstehen uns als Ergänzung zur Medienlandschaft, nicht als Sprachrohr irgendeiner Seite. Und wir nehmen die gleichen Maßstäbe für alle in Anspruch: Fakten prüfen, beide Seiten hören, Einordnung statt Einpeitschen.
Nicht zuletzt müssen wir über den digitalen Medienwandel sprechen. Im Online-Zeitalter, in dem Artikel in hoher Taktung erscheinen und Künstliche Intelligenz vielleicht schon hier und da in Redaktionen mitwerkelt, laufen wir Gefahr, menschliches Maß und moralischen Kompass zu verlieren. Geschwindigkeit und Zuspitzung dürfen nicht zulasten der Sorgfalt gehen. Wer Technik – ob Algorithmen, Analyse-Tools oder Textgeneratoren – einsetzt, muss umso mehr Wert auf menschliche Kontrolle legen. Genau das vermisst man beim fraglichen FT-Kommentar: Wo war das Korrektiv, der menschliche Redakteur, der sagt: „Moment mal, ist diese Behauptung solide belegt? Ist der Ton angemessen?“ Im digitalen Rausch der Schlagzeilen gerät das offenbar ins Hintertreffen. Dabei ist Ethik kein Luxus, sondern Grundbedingung für glaubwürdigen Journalismus – online wie offline.
Am Ende steht die gesellschaftliche Verantwortung der Medien. Unsere Leserinnen und Leser haben ein Recht darauf, dass wir sauber trennen zwischen Bericht und Meinung, zwischen Kritik und Kampagne. Sie dürfen erwarten, dass wir uns nicht von persönlichen Animositäten leiten lassen. Medien sollen kontrollieren und kritisch begleiten, ja – aber sie sollen nicht selbst Partei werden. Genau das ist in Bamberg leider passiert: Ein Lokaljournalist scheint vom Schiedsrichter zum Spieler mit eigenem Trikot gewechselt zu sein. Das schadet nicht nur dem Angegriffenen, sondern dem gesamten Klima der Stadt. Wer ständig Misstrauen sät, darf sich nicht wundern, wenn am Ende das Vertrauen in alle Medien sinkt.
Ein kluger Kommentator sollte Meinung haben – aber eben auch Anstand und Faktenliebe. Hier liegt die Messlatte, an der wir uns alle messen lassen müssen. Journalismus ist kein Kasperltheater, in dem man nach Lust und Laune holzhammern darf, ohne Konsequenzen. Die Bühne der Presse ist ein Ort der Aufklärung, kein Rummelplatz für persönliche Rechnungen. Bamberg hat Besseres verdient als dieses ewige Hin und Her aus Polemik und Verteufelung. Es braucht kritische Stimmen, gewiss – aber solche, die der Wahrheit verpflichtet sind und dem Gemeinwohl dienen.
Eines steht fest: Kasperltheater mag unterhalten – verantwortungsvoller Journalismus allerdings sollte mehr zu bieten haben als laute Sprüche.
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