Expertenbeitrag zum Weltkrebstag
Warum Bamberg am 4. Februar nicht schweigen sollte
Von Prof. Dr. Gerhard Seitz
Am 4. Februar ist Weltkrebstag. Ein Datum, das weltweit daran erinnert, wie häufig und bedeutend diese Krankheit wirklich ist und wie viel wir längst in der Hand hätten. Krebs ist kein Randthema. Er betrifft Familien, Freundeskreise, Betriebe, Vereine. Und er betrifft auch Bamberg jedes Jahr mit Wucht.
Rechnet man die aktuellen bundesweiten Zahlen grob auf unsere Region herunter, heißt das: In der Stadt Bamberg sind es rund 480 neue Krebsdiagnosen pro Jahr, also etwa 40 pro Monat. Und rund 213 Krebstodesfälle, also knapp 18 pro Monat. Im Landkreis Bamberg liegen wir bei rund 930 Neuerkrankungen (etwa 77 pro Monat) und rund 413 Todesfällen (etwa 34 pro Monat). Das sind keine abstrakten Statistiken. Das sind Menschen.
Weltkrebstag heißt nicht: ein Symbolfoto posten, fertig. Der Tag hat eine klare Idee: Aufmerksamkeit schaffen für Vorbeugung, Früherkennung, Forschung und Behandlung. Er wurde im Jahr 2000 im Zusammenhang mit der „Pariser Charta gegen Krebs“ angestoßen und wird seit vielen Jahren international koordiniert. Vor allem aber ist er eine Einladung an Kommunen, Gesundheit sichtbar zu machen, niedrigschwellig, nah an den Menschen, ohne moralischen Zeigefinger.
Umso irritierender ist, dass ich in den offiziellen städtischen Kanälen und Veranstaltungskalendern keine klar erkennbare, eigene Aktion der Stadt zum Weltkrebstag finde. Falls es sie doch gibt: umso besser. Dann gehört sie aber auch so kommuniziert, dass sie niemand übersehen kann. Denn genau darum geht es am 4. Februar: Sichtbarkeit.
Krebs entsteht meist langsam und ist oft vermeidbar
Krebs kommt selten „aus dem Nichts“. Häufig ist es ein Prozess über Jahre. Und genau darin liegt unsere Chance. Eine große Analyse zeigt: In Deutschland sind je nach Geschlecht grob 30 bis knapp 40 Prozent der Krebsfälle vermeidbar. Die wichtigsten Treiber sind dabei Rauchen, Alkohol, ein hoher Body-Mass-Index und weitere beeinflussbare Faktoren.
Das ist eine unbequeme Botschaft, weil sie Verantwortung berührt. Aber sie ist auch eine hoffnungsvolle Botschaft: Prävention ist keine Zauberei. Sie ist Alltag. Nicht rauchen. Alkohol nicht schönreden. Gewicht nicht als Charakterfrage behandeln, sondern als Gesundheitsfaktor. Bewegung nicht als Lifestyle, sondern als Medizin. Und UV-Schutz nicht als Urlaubsthema, sondern als ganzjährige Gewohnheit.
Früherkennung: der unterschätzte Hebel
Neben Prävention ist Früherkennung der zweite große Hebel. Ein klassisches Beispiel ist der Gebärmutterhalskrebs: Wir wissen heute, dass er in praktisch allen Fällen mit HPV-Infektionen zusammenhängt. Und wir haben gleich zwei Werkzeuge: Vorsorge und Impfung. Die STIKO empfiehlt die HPV-Impfung für Mädchen und Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren, Nachholen möglichst vor dem 18. Geburtstag. Solche Fakten gehören am Weltkrebstag in jede Schule, jedes Elternnetzwerk, jede Arztpraxis und ja, auch auf städtische Kanäle.
Dass Vorsorge wirkt, sehen wir auch bei anderen Tumoren. Beim Darmkrebs kann rechtzeitige Abklärung nicht nur früh erkennen, sondern durch die Entfernung von Vorstufen sogar verhindern. Genau solche einfachen, lebensnahen Zusammenhänge müssen immer wieder erklärt werden, besonders dort, wo Menschen ihren Alltag organisieren: in der Kommune.
Moderne Krebstherapie: personalisiert, aber nicht beliebig
Zur Wahrheit gehört auch: Selbst bei bester Vorbeugung wird es Krebs geben. Umso wichtiger ist, dass wir über den dritten Baustein sprechen: moderne, gezielte Therapie.
Wir erleben seit Jahren einen enormen Fortschritt durch molekularpathologische Diagnostik und personalisierte Medizin. Ein frühes, sehr eindrückliches Beispiel war die gezielte Antikörpertherapie bei einem aggressiven Typ des Brustkrebses, die Prognosen spürbar verbessert hat. Heute ist bei vielen Tumoren klar: Wer die Biologie des Tumors kennt, kann Therapien präziser wählen und unnötige Behandlungen vermeiden.
Beim metastasierten Darmkrebs ist die Testung bestimmter Veränderungen vor einer Anti-EGFR-Therapie leitlinienrelevant, weil Mutationen vorhersagen können, ob eine Therapie überhaupt wirkt. Beim Lungenkrebs ist es oft noch komplexer: Es gibt viele potenziell therapierbare Veränderungen, teils selten, teils in kleinen Prozentbereichen. Das macht Diagnostik anspruchsvoll und die Umsetzung nicht immer einfach. Aber gerade deshalb braucht es öffentliche Aufklärung, damit Betroffene wissen, warum diese Diagnostik wichtig ist und welche Fragen man im Behandlungsteam stellen darf.
Was ich mir von Bamberg wünsche: drei Dinge
Erstens: einen sichtbaren kommunalen Weltkrebstag. Nicht als Pflichtübung, sondern als Angebot. Eine öffentliche Veranstaltung mit Fachleuten aus der Region, mit klarer Sprache: Was kann ich selbst tun? Welche Vorsorge steht mir zu? Wo bekomme ich Hilfe?
Zweitens: eine städtische Informationskampagne, die nicht belehrt, sondern befähigt. Kurz, konkret, wiederholbar. Mit Links zu seriösen Stellen, mit Terminhinweisen, mit „Mythen vs. Fakten“, mit Hinweisen auf Beratungsangebote.
Drittens: Partnerschaften statt Zuständigkeitsdebatten. Kliniken, Beratungsstellen, Hausärzteschaft, Krankenkassen, Betriebe, Schulen, Sportvereine. Bamberg hat ein dichtes Netz. Der Weltkrebstag wäre der perfekte Anlass, dieses Netz einmal im Jahr sichtbar zusammenzubringen.
Das kostet weniger, als viele denken. Aber es kann Leben retten. Und es wäre einer Welterbestadt würdig, nicht nur die Schönheit der Vergangenheit zu pflegen, sondern auch die Gesundheit der Gegenwart.
Fakten & Quellenhinweise
- Weltkrebstag: Hintergrund, Entstehung (Paris 2000) und internationale Koordination.
- Deutschland: 517.800 neue Krebsdiagnosen (2023) und Verteilung auf häufige Tumorarten.
- Deutschland: 228.960 krebsbedingte Todesfälle (2023) und Trend (Sterblichkeit rückläufig).
- Deutschland: 230.400 Krebstodesfälle (2024) und altersstandardisierte Sterberate (273,5 pro 100.000).
- Vermeidbarkeit: Analyse zu vermeidbaren Krebsfällen (weltweit und Deutschland).
- Bamberg Stadt und Landkreis: Einwohnerzahlen als Basis der regionalen Hochrechnung.
- HPV-Impfung: STIKO-Empfehlung (Mädchen und Jungen 9–14 Jahre, Nachholen).
- Darmkrebs: Leitlinienhinweis zur Bedeutung des RAS-Status vor Anti-EGFR-Therapie.
- Lungenkrebs: Leitlinienhinweis zur Notwendigkeit molekularer Testung für Therapiestratifizierung.
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