Frau Müllers Metformin – und warum ein Vitamin ihr plötzlich so wichtig wurde
Dr. Inken Seelmann
Als Frau Müller an einem regnerischen Montagnachmittag die Praxis betrat, hatte sie bereits eine Diagnose im Gepäck: Typ-2-Diabetes.
Nichts Ungewöhnliches, immerhin sind Millionen Deutsche betroffen. Sie hatte sich informiert, die Ernährung umgestellt und war bereit, gemeinsam mit ihrem Hausarzt den Weg in ein gesundes Leben zu gehen.
„Wir starten mit Metformin“, sagte ich als ihre Hausärztin. Ein bewährtes Medikament, das hilft, den Blutzucker zu senken – zuverlässig und mit jahrzehntelanger Erfahrung. Frau Müller nickte. Sie hatte sich bereits über die Diabetes-Therapie und damit auch über Metformin informiert. Doch sie hatte auch Fragen. „Ich habe bei Google gelesen, dass Metformin dem Körper Vitamine entziehen kann – stimmt das?“ Eine berechtigte Frage, denn tatsächlich kann Metformin zu einem Vitamin-B12-Mangel führen. Und das ist mehr als nur eine theoretische Nebenwirkung.
Die stille Gefahr: Vitamin-B12-Mangel durch Metformin
Metformin verändert die Aufnahme von Vitamin B12 im Darm. Das passiert schleichend, oft unbemerkt. Nach Monaten oder gar Jahren können die Speicher so weit geleert sein, dass erste Symptome auftreten: Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Kribbeln in Händen und Füßen. Manche verwechseln das alles mit Alterserscheinungen oder Komplikationen bei Diabetes. Dabei ist es ein vermeidbares Defizit
Ich erklärte Frau Müller: „Vitamin B12 ist wichtig für die Nerven und die Blutbildung. Wenn Sie Metformin einnehmen, sollten Sie einmal im Jahr den Vitamin-B12-Spiegel kontrollieren lassen und gegebenenfalls supplementieren.“
Sie fragte: „Kann ich das nicht einfach so nehmen?“
Meine Antwort: „Ja, aber besser nicht auf Verdacht, sondern gezielt.“
Was noch sinnvoll sein kann: Vitamin D, Magnesium und Omega-3-Fettsäuren
Im Gespräch stellte sich heraus, dass Frau Müller oft müde war, ihre Haut trocken und ihre Stimmung gedrückt. „Vielleicht liegt es an der Jahreszeit oder dem ganzen Stress“, meinte sie. Vielleicht – oder am Vitamin D. Vitamin D ist bei Menschen mit Typ-2-Diabetes häufig zu niedrig. Es beeinflusst nicht nur das Immunsystem, sondern auch den Zuckerstoffwechsel. Studien zeigen, dass eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D die Insulinempfindlichkeit verbessern kann.
Magnesium ist ein weiterer stiller Held. Ein Mangel kommt bei Diabetikern häufiger vor – zum Beispiel durch die vermehrte Ausscheidung über die Nieren. Ein guter Magnesiumstatus kann helfen, den Blutzucker zu stabilisieren.
Omega-3-Fettsäuren, am besten aus Algenöl, wirken entzündungshemmend. Bei Diabetes und anderen chronischen Entzündungserkrankungen sind sie unterstützend sinnvoll, insbesondere für das Herz-Kreislauf-System.
Fazit: Individualität zählt!
Frau Müller ging an diesem Tag nicht nur mit einem Rezept für Metformin nach Hause, sie nahm auch einen Plan mit: eine Blutuntersuchung in vier Wochen inklusive Vitamin B12, Vitamin D und Magnesium.
Denn so wie jeder Mensch einzigartig ist, sollte auch die Therapie individuell sein. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine gesunde Ernährung, aber sie können eine wichtige Unterstützung sein – gerade bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes.
Und Frau Müller? Sie fühlt sich heute wacher, beweglicher, klarer im Kopf. „Ich hätte nie gedacht, dass so ein bisschen Vitamin so einen Unterschied macht“, sagte sie bei ihrem letzten Besuch und lachte.
Es war ein sonniger Morgen – nicht nur draußen.
Dr. med. Inken Seelmann ist Fachärztin für Allgemeinmedizin in Bamberg.
Im medicum-bamberg.de liegen ihre Schwerpunkte neben hausärztlicher Betreuung in den Bereichen Diagnostik bei Verdauungsproblemen, Haarausfall, ärztlich unterstütztem Abnehmen und Gelbfieberimpfungen.
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