Eine neue Studie des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) wirft die bedeutende Frage auf, ob Agrarsubventionen in Europa für die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung notwendig sind. Diese Analyse stellt die Position von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) in Frage, der sich für eine Erhöhung der finanziellen Unterstützung für Landwirte einsetzt.
Rainer hebt hervor, dass eine angemessene finanzielle Förderung der Landwirte von großer Wichtigkeit sei, um die Bevölkerung mit regionalen Lebensmitteln zu versorgen. In Anbetracht der aktuellen Neuverhandlungen des EU-Agrarbudgets im Rahmen der Finanzplanung wird die Debatte über die Notwendigkeit von Agrarsubventionen zunehmend intensiver.
Die jährlichen Investitionen der EU in die Landwirtschaft belaufen sich auf etwa 54 Milliarden Euro, wobei ein erheblicher Teil dieser Mittel über Direktzahlungen an Landwirte verteilt wird. Diese Zahlungen erfolgen pauschal pro Hektar bewirtschafteter Fläche. Die NABU-Studie untersucht nun die möglichen Auswirkungen einer partiellem oder vollständigen Abschaffung dieser Agrarhilfen auf die Produktion, wobei das agrarökonomische Simulationsmodell CAPRI zum Einsatz kommt.
Die Ergebnisse der Analyse überraschten NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger, denn sie zeigen, dass die EU-Agrarhilfen nur einen marginalen Einfluss auf die Produktionsmengen ausüben. Krüger bemerkt, dass die Hilfen „wirkungslos verpuffen“ würden.
In der Studie wurden verschiedene Szenarien analysiert, darunter die vollständige Streichung der Agrarhilfen und der Wegfall der Direktzahlungen. Die Resultate deuten darauf hin, dass es in Deutschland und Europa zu einem leichten, aber nicht signifikanten Rückgang der Produktionsmengen kommen könnte. So könnte die Erntemenge bei Getreide um 1,5 bis 2,8 Prozent sinken, während die Fleischproduktion um etwa 0,75 Prozent zurückgehen könnte. Die Milchproduktion bliebe hingegen nahezu unverändert.
Ein Wegfall oder eine Reduzierung der Agrarzahlungen könnte zur Folge haben, dass Landwirte in Regionen mit ungünstiger Bodenqualität den Anbau von Getreide und anderen Kulturen einstellen. Besonders Wiesen und Weiden würden möglicherweise nicht mehr bewirtschaftet, da sich dies für die Landwirte nicht mehr lohnen würde.
Das für die Studie verwendete CAPRI-Modell wurde entwickelt, um die Wirkungen agrarpolitischer Entscheidungen auf Produktion, Einkommen, Märkte, Handel und Umwelt zu analysieren. Zudem berücksichtigt es den internationalen Handel sowie die Preisentwicklung landwirtschaftlicher Produkte und Pachtpreise.
Die Prognosen der Studie beziehen sich auf das Jahr 2035, dem Ende der kommenden Förderperiode der EU-Agrarpolitik. Die Autoren argumentieren, dass dies zu einer intensiveren Bewirtschaftung in der Landwirtschaft führen könnte, was wiederum einen Rückgang des biologischen Anbaus nach sich ziehen könnte. Krüger sieht die Ergebnisse als Beleg dafür, dass die politischen Argumente für Agrarsubventionen zur Sicherstellung der Ernährung nicht haltbar sind.
Der Bauernverband äußert jedoch Bedenken bezüglich der praktischen Folgen einer Reduzierung der EU-Fördermittel. Agrarökonom Alfons Balmann vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, der nicht an der Studie beteiligt war, bezeichnet die Ergebnisse als „nicht unplausibel“, kritisiert jedoch, dass die Studie die kurzfristigen Auswirkungen auf die Betriebe nicht berücksichtigt.
Bauernpräsident Joachim Rukwied warnt vor gravierenden Konsequenzen für die Betriebe, sollte die finanzielle Unterstützung spürbar sinken. Er bezeichnet die Berechnungen der Studie als theoretisch und praxisfern und betont, dass viele Betriebe ohne die Direktzahlungen nicht überlebensfähig wären.
Die wirtschaftliche Situation der Landwirte wird als „brutal angespannt“ wahrgenommen, und der Bauernverband warnt vor einem potenziellen totalen Ernteausfall in bestimmten Regionen.
Innerhalb der Bundesregierung trifft Rainer mit seinen Argumenten auf Widerstand. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) legt den Fokus auf Verteidigung und Wettbewerbsfähigkeit und hält die aktuellen Vorschläge für den EU-Finanzrahmen ab 2028 für nicht finanzierbar. Dies könnte bedeuten, dass Landwirte in der Zukunft mit weniger Unterstützung rechnen müssen.
Albert Stegemann, stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag, weist auf eine „Verteilungskonkurrenz“ um EU-Mittel hin und betont die Relevanz der Agrarhilfen für die Versorgungssicherheit in Europa.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium macht deutlich, dass die Streichung der Direktzahlungen nicht zur Debatte steht und es daher nicht sachgerecht sei, aus einem hypothetischen Szenario Rückschlüsse auf die zukünftige Produktion zu ziehen.
Der NABU ist nicht für eine vollständige Abschaffung der Agrarhilfen, sieht jedoch die pauschale Verteilung der Mittel als ineffektiv an. Krüger fordert stattdessen eine stärkere Berücksichtigung der gesellschaftlichen Leistungen der Landwirte, wie Bodenschutz und Wasserspeicherung, um den Herausforderungen des Klimawandels gerecht zu werden.
Quellen: tagesschau, Der Spiegel
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