Politik
Wie die USA Online-Recherche zu NSDAP-Mitgliedern für Familien ermöglichen
18.03.2026, 17:12 Uhr
Wer mehr über die nationalsozialistische Vergangenheit seiner Vorfahren erfahren möchte, hat die Möglichkeit, im Bundesarchiv in Berlin zu recherchieren. Doch nun wird dieser Prozess erheblich vereinfacht – über das Internet. Das US-Nationalarchiv bietet die Möglichkeit, zwei NSDAP-Karteien online zu durchsuchen.
Über 80 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland eröffnet das US-amerikanische Nationalarchiv eine historische Familienforschung im Internet. Interessierte können ohne vorherige Anmeldung durch Millionen von Einträgen stöbern – und zwar hier. Im Folgenden eine Einordnung und Anleitung zur Nutzung.
Umfangreiche Archivbestände erstmals digital zugänglich
Im Gegensatz zu Deutschland ermöglicht die USA den Zugang zu einer vollständigen digitalen Kopie der mikroverfilmten NSDAP-Zentralkartei sowie der NSDAP-Ortsgruppenkartei. Damit stehen mehr als 16 Millionen digitale Objekte, darunter Fotos auf über 5000 digitalisierten Mikrofilmrollen, zur Verfügung. Diese Dokumente enthalten die Daten von Millionen Deutschen, die bis 1945 Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) waren. Laut dem Deutschen Historischen Museum war 1945 „jeder fünfte erwachsene Deutsche einer von insgesamt 8,5 Millionen Parteigenossen“ und hat damit zumindest auf dem Papier das Unrechtssystem unterstützt.
Historiker Martin Winter von der Universität Leipzig erklärt, dass es nicht ungewöhnlich sei, dass solche Bestände im US-Nationalarchiv liegen und dort digital zugänglich sind. „Das hat eine transatlantische Geschichte – die Unterlagen wurden nach dem Krieg für Entnazifizierung und Prozesse genutzt.“ Auch im Bundesarchiv Berlin existieren digitale Kopien des Materials, deren Nutzung jedoch aus rechtlichen Gründen stark eingeschränkt ist.
Hitler, Himmler und Hess in den Archivdaten
Der Kern der US-Sammlung ist die sogenannte Master File, die mehrere zentrale Karteien vereint. Dazu gehört die Ortsgruppenkartei mit rund 6,6 Millionen Mitgliedskarten, die detaillierte Angaben wie Name, Geburtsdatum, Beruf, Parteieintritt und Wohnort enthalten. Ergänzend existiert die Zentralkartei mit etwa 4,3 Millionen Karten, die zwischen 1929 und 1943 angelegt wurden und auch führende NS-Funktionäre wie Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Rudolf Heß erfassen.
Zusätzlich sind mehr als 200.000 Fragebögen von NSDAP-Mitgliedern im Großraum Berlin sowie Materialien zu angeschlossenen Organisationen wie dem Nationalsozialistischen Lehrerbund oder der Reichsärztekammer in den Beständen enthalten.
Beweismaterial vor der Vernichtung gerettet
Die Existenz der von den Nationalsozialisten sorgfältig erstellten Karteien verdankt sich Hanns Huber, dem Geschäftsführer einer Papierfabrik nördlich von München. Er widersetzte sich kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs dem Befehl, insgesamt 65 Tonnen Papier einzustampfen, und bewahrte so das umfangreiche Beweismaterial vor der Vernichtung.
Das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte bezeichnet diese Entscheidung rückblickend als „mutige Entscheidung von politischer Tragweite“. Im Herbst 1945 erkannte die US-Militärregierung schließlich die Bedeutung der in der Papierfabrik aufgetürmten Karten und Akten und brachte sie im neu eingerichteten Berlin Document Center (BDC) unter.
Archivnutzung: Keine „Nazisuchmaschine“
Forschende sowie Privatpersonen können das Archiv nun online nutzen. Historiker Winter betont, dass es sich hierbei um einen Zugang zu sehr umfangreichen Archivbeständen handelt: „Es ist eben keine ‚Nazisuchmaschine‘, wo man Namen eingibt und sofort alles herausfindet.“ Solche großen Datensätze seien für Historiker von großem Nutzen, da man nach Namen suchen könne, aber auch mit anderen Suchbegriffen neue Personen finden könne, die man sonst nicht entdeckt hätte.
So funktioniert die Suche in der Datenbank
Um NSDAP-Mitglieder im US-Nationalarchiv zu finden, muss der Nutzer zunächst die Suche auf der Startseite aktivieren („Search within this Series“). Anschließend erhält er Zugriff auf die Dokumente.
Die Suche funktioniert ähnlich, jedoch komplizierter als bei Google. Wer beispielsweise nur nach „Müller“ sucht, erhält knapp 200 Treffer. Hilfreich ist es, die Suche auf das Schema Nachname, Vorname und idealerweise den damaligen Wohnort zu beschränken. Die besten Ergebnisse liefert die Maschine durch die zusätzliche Eingabe des Geburtsdatums ohne das damalige Jahrhundert – also etwa 10.06.18.
Selbst wenn man im Idealfall nur einen Treffer erhält, ist man dennoch nicht am Ziel: Hinter dem Dokument verbergen sich oft mehrere Tausend Seiten digitalisierten Mikrofilms. Historiker Winter beschreibt den weiteren Prozess des Durcharbeitens als „deutlich langwieriger als man denkt“. Im besten Fall sollte eine Liste der Suchergebnisse innerhalb des Mikrofilms angezeigt werden, die hilfreich sein kann: Grün hinterlegte Karten sollten die Suchbegriffe enthalten.
Zur Aussagekraft: Mitgliedschaft und ihre Folgen
Wenn man einen Namen im Archiv findet, sollte man vorsichtig Schlüsse ziehen. Die Mitgliedschaft in der Partei zeigt zunächst nur, dass jemand eingetreten ist, und sagt wenig darüber aus, wie sich die Person im Nationalsozialismus verhalten hat. Winter betont: „Allerdings hat man durch den Beitritt auf jeden Fall eine Zustimmung signalisiert.“ Umgekehrt bedeutet es jedoch nicht, dass jemand ohne Treffer im Archiv nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte.
Kann dies dennoch zu Diskussionen am Familientisch führen? Das wäre „ein begrüßenswerter Impuls, denn es gibt durchaus eine Verantwortung, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen“, meint Winter. Gleichzeitig betont der Historiker: „Niemand muss heute die moralische Verantwortung für die Taten des Urgroßvaters übernehmen.“
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