An den Häfen von Bremen und Bremerhaven verzeichnete der Pkw-Export im vergangenen Jahr einen Rückgang, während das Container-Geschäft um bemerkenswerte zehn Prozent zulegte.
Aktuell führen Bayern und Baden-Württemberg das „Niveau-Ranking“ des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) an. Im „Dynamik-Ranking“ hingegen haben die südlichen Bundesländer deutlich an Boden verloren. Experten beobachten eine Verschiebung der wirtschaftlichen Gewichte in Deutschland, die unter anderem auf den fortschreitenden Ausbau der erneuerbaren Energien zurückzuführen ist.
Welche Branchen tragen zum Aufschwung im Norden bei?
Erneuerbare Energien: In Norddeutschland ist der Anteil an erneuerbaren Energien besonders hoch, was als entscheidender Standortvorteil gilt. Energieintensive Unternehmen tendieren dazu, sich in der Nähe von Stromproduktionsstätten anzusiedeln. Laut dem Ökonomen Michael Berlemann sei es jedoch technisch herausfordernd, Energie zu speichern oder über lange Strecken zu transportieren, weshalb kurze Wege zu den Energieversorgern vorteilhaft sind.
Rüstungsindustrie: Die stark gestiegenen Verteidigungsausgaben fördern die Rüstungsindustrie im Norden. Im Bundesland Bremen sind mit Rheinmetall, Airbus und der Lürssen-Werft drei bedeutende Unternehmen ansässig. Nach Angaben der Handelskammer Bremen ist die Hansestadt der größte Rüstungsstandort in Deutschland mit 12.000 Beschäftigten.
In Niedersachsen betreibt Rheinmetall seit Ende 2025 die größte Munitionsfabrik Europas, die derzeit 3.200 Mitarbeitende beschäftigt, mit einer geplanten Erhöhung auf 4.000. TKMS, die Marinesparte von Thyssenkrupp mit Sitz in Kiel, meldete Ende März Rekordaufträge von über 20 Milliarden Euro. Laut dem Ifo-Institut entkoppelt sich die Industrie im Norden aufgrund des Rüstungsbooms von der gesamtdeutschen wirtschaftlichen Entwicklung.
Am Standort Wismar in Mecklenburg-Vorpommern stellte TKMS zu Beginn des Jahres 140 neue Mitarbeitende ein, um U-Boote, Marineschiffe und das Forschungsschiff „Polarstern II“ zu bauen. Bis 2029 sollen mehr als 1.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, so Wolfgang Blank, parteiloser Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern. Der Rüstungszulieferer Vincerion aus Wedel in Schleswig-Holstein verzeichnete zwischen 2022 und 2024 ein durchschnittliches Wachstum von 29 Prozent.
- Häfen: Im vergangenen Jahr erzielte der Elbehafen in Brunsbüttel, Schleswig-Holsteins größter Hafen, mit 1,3 Milliarden Euro Brutto-Wertschöpfung einen Rekordumsatz. In den Häfen von Bremen und Bremerhaven fiel 2025 der Pkw-Export, während das Container-Geschäft um zehn Prozent wuchs.
- Bremerhaven soll zudem zum zentralen deutschen Militärumschlaghafen der NATO ausgebaut werden. Der Bund investiert rund 1,35 Milliarden Euro in die Sanierung der Infrastruktur über einen Zeitraum von sechs Jahren. Der Hamburger Hafen wurde als Standort ausgeschlossen, da dort ein chinesisches Unternehmen beteiligt ist. Dennoch verzeichnet Europas drittgrößter Hafen ein Plus von 2,6 Prozent beim Gesamtumschlag, da der Rückgang im Geschäft mit den USA durch Wachstumsimpulse aus China, Indien und Südostasien ausgeglichen wurde.
- Luft- und Raumfahrt: Auch die Luft- und Raumfahrtindustrie in Bremen zeigt positive Entwicklungen: Über 140 Branchenunternehmen und zwanzig Forschungsinstitute erwirtschafteten 2025 einen Jahresumsatz von mehr als vier Milliarden Euro.
- Fahrzeugindustrie: Die Fahrzeugindustrie in Bremen präsentiert sich ebenfalls stabil. Während in süddeutschen Werken Luxusfahrzeuge produziert werden, konzentriert man sich dort auf Autos im mittleren Preissegment, für die weiterhin eine Nachfrage besteht, erklärt André Grobien von der Handelskammer Bremen.
- Tourismus: Der Tourismus zwischen Ostsee und Mecklenburgischer Seenplatte zählt zu den bedeutendsten Wachstumstreibern.
Gefährdet die Klimapolitik den Aufschwung im Norden?
Die Voraussetzungen für erneuerbare Energien im Norden sind günstig: Es gibt reichlich Wind, ausreichend Sonne und eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung. Die zahlreichen Wind- und Solarparks mit Bürgerbeteiligung bringen finanzielle Mittel in die Gemeinden und zu privaten Anteilseignern.
Allerdings hat der Ausbau von Wind- und Solarparks an Dynamik verloren, insbesondere seit Katherina Reiche (CDU) im Bundeswirtschaftsministerium tätig ist. Ein Gesetzentwurf ihres Ministeriums sieht vor, dass Entschädigungen entfallen, wenn neue Windanlagen aufgrund von Überlastungen im Stromnetz stillgelegt werden müssen und keine Einnahmen generieren können.
In der Branche wird vor einer „Reiche-Delle“ gewarnt, ähnlich der „Altmaier-Delle“ von 2012, als der damalige Bundesumweltminister Peter Altmaier die Subventionen für die Solarindustrie kürzte. Dies führte zu einem drastischen Rückgang beim Ausbau von Photovoltaikanlagen und dem Verlust von Zehntausenden Arbeitsplätzen in der Solarbranche.
Wie nachhaltig ist der Boom in den Küstenländern?
Angesichts der globalen Sicherheitslage geht das Wirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern davon aus, dass der Aufschwung der maritim-militärischen Industrie sowie des Energiesektors von Dauer sein wird.
Das Küstenland mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern produziert an Land und in der Ostsee zweieinhalbmal so viel Strom, wie es verbraucht. Für die Umwandlung der Offshore-Energie sind sogenannte Konverterplattformen erforderlich. Bis zu 15 Plattformen, jede im Wert von über 2,6 Milliarden Euro, sollen in Rostock gefertigt werden. „Das sichert die Auslastung der Werft bis ins Jahr 2040“, sagt Wolfgang Blank.
Die sogenannte Zeitenwende hat auch den Weg für Flüssiggas geebnet. Ein von vier Flüssiggas-Terminals befindet sich im Elbehafen Brunsbüttel. Hafenchef Frank Schnabel äußert sich trotz der globalen Energiemarktkrise optimistisch: „In Zukunft werden Themen wie der Import von Wasserstoff oder grünem Ammoniak als Energieträger von Bedeutung sein. Auch die CO₂-Abscheidung und -Export werden uns beschäftigen.“
Dennoch gibt es Herausforderungen im Norden: Die Insolvenz von Northvolt am strukturschwachen Standort Heide führte dazu, dass rund 3.000 geplante Arbeitsplätze nicht geschaffen wurden. Schleswig-Holstein, das sich mit Wandel-Anleihen an dem Unternehmen beteiligt hatte, musste etwa 200 Millionen Euro abschreiben.
Gerät der Süden Deutschlands ins Hintertreffen?
Einige Experten, wie Michael Berlemann vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), sprechen weniger von der „Stärke des Nordens“, sondern eher von einer „Schwäche des Südens“.
Im Gegensatz zum Süden gibt es im Norden weniger Automobilindustrie. Zwar wird auch in Wolfsburg, wo Volkswagen und zahlreiche Zulieferer ansässig sind, Personal abgebaut, jedoch nicht im gleichen Ausmaß. Der Süden durchläuft derzeit einen Strukturwandel, den das Ruhrgebiet bei Kohle und Stahl sowie der Norden bei den Werften bereits hinter sich haben.
Radio-Feature: Michael Frantzen; Onlinetext: Tina Hammesfahr
Quellen: deutschlandfunk
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